Zwiespältige Reaktion auf neues EU-AKP-Abkommen
Bonn, 6.2.2000. Zum Ausgang der letzten Verhandlungen zwischen
der EU und den AKP-Staaten über ein neues Kooperationsabkommen erklärt
Jens Martens, Vorstandsmitglied von WEED (und dort zuständig
für den Programmbereich EU-Nord-Süd-Politik): "Unsere
Reaktion auf den Ausgang der Verhandlungen zwischen der EU und den AKP-Staaten
ist zwiespältig. Positiv zu bewerten ist u.a.,
- daß es überhaupt zu einem neuen Abkommen gekommen
ist und sich die EU damit langfristig, nämlich auf die
nächsten 20 Jahre, zur Entwicklungskooperation mit den AKP-Staaten
verpflichtet hat;
- daß der Armutsbekämpfung in dem neuen Abkommen
ein größerer Stellenwert eingeräumt wird als in den
bisherigen Abkommen;
- daß die EU sich immerhin verpflichtet, in den nächsten
5 Jahren bis zu 13,5 Mrd. Euro an Mitteln für den
Europäischen Entwicklungsfonds zur Verfügung zu stellen;
- und daß zumindest für die nächsten acht Jahre die
Handelspräferenzen der EU für die AKP-Länder
aufrecht erhalten bleiben und bei der WTO gemeinsam eine dafür
notwendige Ausnahmegenehmigung (waiver) beantragt wird.
Die positive Bewertung wird allerdings durch eine ganze Reihe negativer
Aspekte in dem neuen Abkommen getrübt:
- Die EU hält offensichtlich weiter an der generellen
Politik der Abschottung nach innen und des Liberalisierungsdruckes
gegenüber den AKP-Ländern fest. Eine vollständige
Öffnung des EU-Marktes für die ärmsten Länder
wurde auf das Jahr 2005 verschoben, eine Verbesserung des Marktzuganges
für die anderen AKP-Länder soll lediglich "geprüft"
werden.
- Die Verknüpfung des Kooperationsvertrages mit einer Rücknahmeverpflichtung
der AKP-Länder für sogenannte "illegale Einwanderer",
die aus der AKP-Region kommen, hat den fatalen Beigeschmack
politischer Erpressung, ist skandalös und steht im Widerspruch
zum menschenrechtlichen Anspruch der EU.
- Die nominelle Erhöhung der Mittel für den 9. Europäischen
Entwicklungsfonds spiegelt falsche Tatsachen vor: Zum einen
ist eine Milliarde Euro an eine Art "Wohlverhaltensklausel"
geknüpft und kann erst nach einer sog. "Performance-Prüfung"
im Jahr 2004 freigegeben werden. Zum anderen stehen von den neuen
Mitteln des Europäischen Entwicklungsfonds lediglich 10 Mrd.
für Entwicklungszwecke im engeren Sinn zur Verfügung. 1,3
Mrd. Euro sind zur Unterstützung der regionalen Kooperation vorgesehen,
2,2 Mrd. gehen in eine neugeschaffene Investment Facility, aus der
Projekte der Privatwirtschaft gefördert werden sollen. Ob diese
Mittel der originären Armutsbekämpfung dienen, ist zweifelhaft.
Dreh- und Angelpunkt der künftigen EU-AKP-Beziehungen werden die
sog. Wirtschaftspartnerschaftsabkommen sein, die in den nächsten
acht Jahren zwischen der EU und einzelnen Ländergruppen der AKP-Region
ausgehandelt werden sollen. Die EU hat bisher aus Seattle wenig gelernt
und besteht weiterhin darauf, regionale Freihandelsabkommen zu verabschieden,
um den Marktzugang der europäischen Unternehmen und Produkte in den
Entwicklungsländern zu verbessern. Die AKP-Länder fordern dagegen
Alternative Handelsabkommen, die ihren eigenen Entwicklungsbedürfnissen
gerecht werden.Die EU muß endlich ihre Lehren aus Seattle
ziehen und sollte nicht länger am Ziel von Freihandelsabkommen, die
vor allem den Interessen der europäischen Wirtschaft dienen, festhalten.NGOs
fordern seit langem faire Handelsabkommen, die die strukturellen und ökonomischen
Unterschiede der Länder berücksichtigen und die europäische
Außenwirtschafts- und Agrarinteressen dem Ziel einer weltweit ökologisch
tragfähigen und sozial gerechten Entwicklung unterordnen. Das bedeutet
u.a.:
- Kein übereilter Liberalisierungsdruck auf die AKP-Länder.
Wann und für welche Produkte die AKP-Länder ihre Märkte
vollständig öffnen, muß vom Entwicklungsstand der
Länder und nicht von außen vorgegebenen Fristen abhängig
gemacht werden.
- Entwicklungskonformität statt WTO-Konformität.
Statt die Handelsbeziehungen an die Regeln der WTO anzupassen, müssen
EU und AKP-Staaten gemeinsam für eine entwicklungsgerechte Reform
dieser WTO-Regeln eintreten.
- Reform der EU-Agrarpolitik als Grundvoraussetzung. Dringend
notwendig ist weiterhin der Abbau der Exportsubventionen und die weitere
Öffnung des europäischen Marktes für Agrarprodukte
aus dem Süden.
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