Der (Minimal-) Konsens von Monterrey
Ein Kurzbericht über die letzte Vorbereitungstagung (PrepCom
4) zur UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung (New York, 14.-27.1.2002)
von Jens Martens, WEED und Peter Eisenblätter, terre des hommes
In einem ungeahnten Gewaltakt haben die Regierungen bei der letzten
Vorbereitungstagung zur UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung (Financing
for Development - FfD) Ende Januar in New York ein Kompromisspapier ausgehandelt,
dass bei der eigentlichen Konferenz vom 18. bis 22. März in Mexiko als
"Monterrey Consensus" verabschiedet werden soll. Der Text sollte eine
"globale Antwort" auf die entwicklungspolitischen Herausforderungen der
Globalisierung geben und gewissermaßen den Washington Consensus ablösen,
der über mehr als eine Dekade die neoliberale Politik von IWF und Weltbank
bestimmt hat. Herausgekommen ist jedoch nicht mehr als ein Minimalkonsens,
der in weiten Teilen die politischen Positionen der Bush-Administration
reflektiert. Der Text konstatiert zwar ein dramatisches Defizit an Ressourcen,
um die international vereinbarten Entwicklungsziele zu erreichen, und
plädiert für eine verstärkte multilaterale Zusammenarbeit. Konkrete Antworten
bleibt er allerdings schuldig.
Größer könnte der Kontrast nicht sein: Während Regierungsbeamte aus aller
Welt vom 14. bis 27. Januar 2002 in den unterirdischen Konferenzräumen
der UNO darüber feilschten, aus welchen Töpfen und zu welchen Bedingungen
Entwicklung künftig finanziert werden sollte, um am Ende mit nicht viel
mehr als der erneuten unverbindlichen Bestätigung des 0,7-Prozent-Zieles
für die öffentliche Entwicklungshilfe zu enden, machte das reichste Ehepaar
der Welt Nägel mit Köpfen: Bill und Melinda Gates kündigten in einer Titelstory
der New Yorker Zeitschrift Newsweek am 4. Februar 2002 an, künftig mit
einem Stiftungsvolumen von 24 Mrd. US-Dollar Gesundheitsprojekte zu finanzieren,
die vor allem Kindern in den ärmsten Entwicklungsländern zu Gute kommen
sollen. Ganz nebenbei sponserte Bill Gates auf dem Weltwirtschaftsforum,
das in diesem Jahr im New Yorker Walldorf Astoria stattfand, eine Veranstaltung
zur UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung.
Die Regierungen beschränkten sich dagegen in ihrem Entwurf für den Monterrey
Consensus weitgehend auf Appelle an die Eigenverantwortung der Entwicklungsländer,
die Betonung von Handel und Privatinvestitionen für die wirtschaftliche
Entwicklung und das Versprechen, künftig international besser zusammenzuarbeiten.
Schnell einig wurde man sich über die zentrale Rolle heimischer Ressourcen
für die Entwicklung. Der Text betont die Bedeutung einer guten Regierungsführung
("good governance"), von Demokratie und Menschenrechten, eines effizienten
Steuersystems und eines funktionsfähigen heimischen Finanzsektors. Der
Forderung der USA nach Verankerung ihrer drei Grundprinzipien "Frieden,
Freiheit und Kapitalismus" im Abschlusstext wurde weitgehend Rechnung
getragen. Lediglich der Begriff "Kapitalismus" wurde durch "markt-orientierte
Politiken" ersetzt.
Auch über die verstärkte Förderung ausländischer Direktinvestitionen
bestand zwischen Industrie- und Entwicklungsländern Einvernehmen. Forderungen
aus der Wirtschaft, vor allem das Investitionsklima in den Entwicklungsländern
zu verbessern, damit Unternehmen "effizient und profitabel" operieren
könnten, finden sich im Text wieder. Versuche der EU, darüber hinaus ihre
Interpretation der Ergebnisse der WTO-Ministertagung von Doha im Bereich
Handel und Investitionen in den Text aufzunehmen, schlugen dagegen fehl.
Auf die von der EU geforderten Verhandlungen innerhalb der WTO über ein
Multilaterales Investitionsabkommen ("multilateral framework on FDI")
geht der Text nicht mehr ein. Gestrichen wurden auf Druck der G-77 auch
Hinweise auf die OECD-Guidelines für Multinationale Unternehmen und den
Global Compact. Die Unternehmen werden lediglich gedrängt, neben wirtschaftlichen
und finanziellen auch ökologische, soziale, geschlechtsspezifische und
entwicklungsbezogene Folgen ihrer Aktivitäten "zu berücksichtigen". Die
von NGOs geforderte weitergehende Verankerung von Pflichten und Standards
für ausländische Investoren wurde von nahezu allen Regierungen abgelehnt.
Unerwartet heftig verhandelt wurde über die Passagen zum Thema Handel,
nachdem die EU auch hier Positionen einbrachte, die nach Ansicht der G-77
über die Beschlüsse von Doha hinausgingen. Letztlich blieb es bei der
Aufforderung an die Staaten, die Ergebnisse von Doha umzusetzen.
Bis zuletzt umstritten waren die Beschlüsse zur öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit
(ODA). Am Ende fielen zahlreiche Vorschläge dem selbstauferlegten
Konsenszwang und dem Druck der USA zum Opfer. Dies betraf auch die Verpflichtung
zur umgehenden Verdoppelung der ODA um 50 Mrd. US-Dollar, um die internationalen
Entwicklungsziele zu erreichen, wie sie in der Millenniumsdeklaration
der Staats- und Regierungschefs im Jahr 2000 definiert wurden. Statt sich,
wie ursprünglich diskutiert, auf einen verbindlichen Stufenplan zur Erhöhung
der ODA zu einigen, enthält das Konsenspapier lediglich den Hinweis, einen
"Zeitrahmen zu prüfen". Ersatzlos gestrichen wurden alle Passagen über
die Finanzierung Globaler Öffentlicher Güter - trotz aktiver Unterstützung
dieses Themas u.a durch die französische und schwedische Regierung. Tot
ist dieses Thema damit noch lange nicht; im Vorfeld des Johannesburger
Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung (WSSD) wird die Auseinandersetzung
darüber sicherlich an Dynamik gewinnen. Neue Finanzierungsinstrumente,
allen voran die Devisenumsatzsteuer ("Tobin-Steuer"), wurden in vorauseilendem
Gehorsam gegenüber dem Widerstand der USA erst gar nicht in den Verhandlungstext
aufgenommen. Mann einigte sich lediglich darauf, die beim UN-Generalsekretär
in Auftrag gegebene Studie über neue Finanzierungsinstrumente in den "angemessenen
Foren" zu studieren. Die Fertigstellung der Studie wurde immer wieder
verzögert. Sie soll nun im Frühsommer 2002 abgeschlossen sein und sicherlich
ebenfalls in Johannesburg auf der Agenda stehen.
Auch im Bereich der Auslandsverschuldung bringt der Monterrey-Konsens
kaum Neues. Er fordert, die erweiterte HIPC-Initiative unverzüglich umzusetzen
und bei der Beurteilung der Schuldentragfähigkeit auch verschlechterte
Wachstumsaussichten und Terms of Trade zu berücksichtigen. Erst bei zukünftigen
Untersuchungen der Schuldentragfähigkeit sollten zudem die Auswirkung
von Schuldenerlassen auf die Verwirklichung der Millenniumsziele (Armutsreduzierung
etc.) mit beachtet werden. Bemerkenswerte Fortschritte hatte es im Vorbereitungsprozess
zur Monterrey-Konferenz bei der Diskussion über die Einführung eines fairen
und transparenten Schiedsverfahrens bei der Entschuldung - analog zum
nationalen Insolvenzrecht - gegeben. Letztendlich ist davon lediglich
die Empfehlung übrig geblieben, in den zuständigen Foren einen internationalen
"debt workout mechanism" zu prüfen.
Von Anfang an umstritten waren die sogenannten "systemischen Fragen"
auf der Agenda der FfD-Konferenz. USA und EU widersetzten sich bis zuletzt
Forderungen nach konkreten institutionellen Reformen im internationalen
Finanzsystem. Übrig geblieben sind Appelle, die Entwicklungsländer stärker
in die Entscheidungsprozesse der Internationalen Finanzinstitutionen einzubeziehen
und die Vereinten Nationen, insbesondere die Generalversammlung und den
Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC), zu stärken. Im Folgeprozess von Monterrey
sollen vor allem die Frühjahrstreffen von ECOSOC und Bretton-Woods-Institutionen
sowie der alle zwei Jahre stattfindende Hochrangigen Entwicklungsdialog
der Generalversammlung eine zentrale Rolle spielen. Der Generalversammlung
wird dabei ausdrücklich die Kompetenz zugewiesen, sich auch mit der entwicklungspolitischen
Kohärenz und Konsistenz des internationalen Währungs-, Finanz- und Handelssystems
zu befassen. Dies könnte zumindest als graduelle Aufwertung der Vereinten
Nationen gegenüber IWF, Weltbank und WTO interpretiert werden.
Alles in Allem reflektiert der Monterrey-Konsens den kleinsten gemeinsamen
Nenner, der in der globalen Entwicklungspolitik derzeit offensichtlich
möglich ist. Der enorme Druck, der am Ende der Verhandlungen aufgebaut
wurde, um bereits zu diesem Zeitpunkt ein Konsenspapier fertigzustellen,
kam für viele Beteiligten überraschend. Dahinter stand offensichtlich
die Bestrebung, US-Präsidenten Bush zur Teilnahme an der Konferenz zu
bewegen. Sie wurde aus Kreisen der US-Delegation nach Ende der Verhandlungen
bereits bestätigt. Es wird erwartet, dass im Tross von Bush nun eine Reihe
weiterer Staats- und Regierungschefs nach Monterrey kommen werden - und
sie werden vermutlich nicht mit leeren Händen kommen. Vor allem von den
USA und von der EU wird nun erwartet, dass sie mit unilateralen Initiativen
über den Minimalkonsens von Monterrey hinausgehen, um sich als entwicklungspolitische
Vorreiter zu profilieren. Der Sache mag dies dienen, dem Multilateralismus
wird mit dieser Doppelstrategie kein Dienst erwiesen.
Wie bereits bei früheren UN-Konferenzen, waren auch an dieser Vorbereitungstagung
viele Nichtregierungsorganisationen (NRO) aus dem Süden und dem
Norden aktiv beteiligt, mit schriftlichen und mündlichen Stellungnahmen,
eigenen Veranstaltungen sowie diversen Lobbyaktivitäten. Spürbaren Einfluss
auf das Abschlussdokument hatten sie am Ende allerdings kaum. Noch schlimmer:
Im krassen Gegensatz zu den feierlichen Erklärungen über die notwendige
Beteiligung der Zivilgesellschaft drohte ihnen (auf Betreiben vor allem
der USA) Vor Beginn der entscheidenden zweiten Verhandlungswoche sogar
der Rausschmiss: die Delegationen sollten nur noch "informell", d.h. unter
Ausschluss der Öffentlichkeit, weiterverhandeln. Nur auf Druck der G-77
(dem sich eher zögerlich auch die EU anschloss) konnte das schließlich
verhindert werden.
Die europäischen NRO nahmen die mageren Resultate des Vorbereitungsprozesses
zum Anlass, einen dringenden Appell an die Regierungen zu verfassen, der
das mangelnde Engagement der Staaten des Nordens in scharfer Form verurteilt
und sieben "Minimalforderungen" aufstellt, deren Erfüllung aus NRO-Sicht
die absolute Mindestvoraussetzung dafür darstellt, dass die Monterrey-Konferenz
nicht als völlig gescheitert angesehen werden muss. Dazu zählen die Einführung
eines verbindlichen Stufenplans zur Erhöhung der ODA, die explizite Erwähnung
der Devisenumsatzsteuer als innovativem Finanzierungs- instrument und
die Unterstützung eines fairen und transparenten Schiedsverfahrens bei
der Entschuldung.
Dem schwachen Konsens der Regierungen zum Trotz sind die NRO weiter zur
aktiven Beteiligung und Einmischung entschlossen. Beim "Global
Forum" der Zivilgesellschaft, das unter dem Motto "Financing the Right
to Sustainable and Equitable Development" unmittelbar vor der Konferenz
vom 14. bis 16. März in Monterrey stattfindet, wollen sie ihre politischen
Alternativen zum offiziellen Konsens formulieren und über die weiteren
Strategien beraten.
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